Edition 5 Erstfeld

Keine Flachware

 

Wer wollte bestreiten, dass wir seit etlicher Zeit die Ökonomisierung aller Lebensbereiche erleben bzw. erleiden? Die Welt ist – je nach Perzeption – zu einem gigantischen Supermarkt, zu einer monumentalen Boutique geworden, zu einem grenzenlosen Marktplatz, wo letztlich alles zur Ware mutiert und einem gnadenlosen Verwertungszwang unterworfen wird. Auch die Kunst. Oder vielleicht müsste man sagen: gerade auch die Kunst! Bekanntlich soll ja alles Kunst sein, und deshalb ist Kunst überall und längst eine Sondersparte der Unterhaltungsindustrie geworden. Und zu einem selbstreferentiellen System, in dem die potenten und einflussreichen Player des Kunstmarkts Trends und Künstlerkarrieren zu lancieren und daraus nicht nur beachtliche Profite, sondern auch Sozialprestige zu generieren vermögen. Im Kunstkasino verwandeln sich die Kunstwerke in Investitions- und Spekulationsobjekte, in Statussymbole und modische Accessoires für die herdengetriebene Lifestyle-Karawane. Eingängige Verkaufsformeln, gehypte Trends und marktschreierische Bedeutungshuberei haben die Diskussion um die Inhalte und die Qualität von Kunst in den Hintergrund gedrängt. Im Kunstkasino sind die Künstler Produzenten von Markenartikeln, ihre Namen zu brand names mutiert. Ihre Position auf den Ratinglisten determiniert nicht nur den Preis der Werke, sondern auch deren angebliche künstlerische Bedeutung, nach dem Motto: je teurer, desto besser die Qualität.

 

Und dennoch: Es gibt sie – oftmals fernab der grossen Kunstvermarktungsmetropolen – die Initiativen, Projekte und Vorhaben, bei denen nicht das kommerzielle Interesse, nicht der finanzielle Gewinn im Vordergrund steht, sondern – um es allgemein zu formulieren – die Sache der Kunst. Ihr haben sich seit nunmehr bald zwei Jahrzehnten Ruth und Jürg Nyffeler mit ihrer in Erstfeld domizilierten Edition 5 verschrieben. In fünffacher Auflage geben sie dreidimensionale Arbeiten von Künstlerinnen und Künstlern ihrer Wahl heraus, „keine Flachware“, wie die beiden betonen. Das darf und soll man nicht nur wörtlich, sondern auch im übertragenen Sinne verstehen. Die Nyffelers lassen sich nicht von Moden, von Einschaltschaltquoten, von Künstler-Hitparaden leiten (auch wenn zahlreiche bekannte Kunstschaffende auf der Namensliste der Edition 5 figurieren). Mit subjektivem und bewundernswert sicherem Blick wählen sie die Künstlerinnen und Künstler aus und bitten sie, einen Vorschlag auszuarbeiten. Es versteht sich von selbst, dass es sich bei den realisierten Arbeiten nie um kommerzielle Konfektionsware handelt, denn die Nyffelers sehen in den Multiples ihrer Edition 5 (mittlerweile ist die Zahl auf über 150 künstlerische Positionen von rund hundert verschiedenen Kunstschaffenden angewachsen) „Gefässe für den geistigen Gebrauch“, eigenständige Positionsbezüge, die Raum schaffen und dabei Fragen, Gedanken und Ideen zu einem Ort verhelfen sollen. Mit bewundernswerter Offenheit, Hingabe und Neugier treiben Ruth und Jürg Nyffeler unentwegt ihr hochkarätiges editorisches Projekt voran. Wir dürfen uns freuen, denn (fast) alles ist möglich. Sicher ist nur eines: für Flachware hat es in der Edition 5 keinen Platz!

Ein Freund meines Vaters sammelte Sandkörner.

 

Rudolf Trefzer